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Juni 2026

Verletzungen im Miteinander - Wunden, Pflaster, Schutz

Wenn wir eine Beziehung eingehen – sei es mit einem potenziellen Partner, einer Arbeitskollegin oder in einer zufälligen Begegnung –, setzen wir oft voraus, dass das Gegenüber unsere Schmerzpunkte doch kennen müsste: Wir gehen davon aus, dass alle so oder ähnlich ticken wie wir. Diese Annahme ist menschlich, aber trügerisch: Sie führt dazu, dass wir Handlungen oder Unterlassungen des Gegenübers als Absicht deuten. Dann fühlen wir uns angegriffen, vernachlässigt oder missverstanden, obwohl der andere vielleicht gar nicht ahnt, was in uns vorgeht.

Das tut mir weh!

Jeder und jede von uns trägt unsichtbare Narben. Diese können wörtlich gemeint sein, wie eine alte Verletzung am Bein, die bei Berührung schmerzt. Oder sie sind metaphorisch: biografische Erfahrungen, die uns an bestimmten Punkten besonders verletzlich machen. Was für den einen kaum spürbar ist, kann dem anderen enorm wehtun.

Beim ersten Mal, wenn jemand uns an einer solchen Stelle trifft, können wir nicht erwarten, dass er es ahnt. Aber wir können es ihm sagen: „Achtung, hier bin ich empfindlich. Das tut mir weh.“ Ohne diese Information verletzt der/die andere uns früher oder später erneut – nicht gegen uns, sondern einfach ohne das Wissen um unseren wunden Punkt. Indem wir uns mitteilen, geben wir der Person, die uns vielleicht mag oder sogar liebt, so etwas wie eine Gebrauchsanweisung, damit "es klappt".

Sobald wir unseren Schmerzpunkt mitteilen, ändert sich die Dynamik, denn der (die) Andere weiß nun Bescheid. Passiert der „Tritt auf den Fuß“ ein zweites Mal, dürfen wir freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen: „Ich habe dir gesagt, dass mir das wehtut. Bitte vermeide das.“ Beim wiederholten Mal dürfen wir Konsequenzen ziehen und uns schützen: „Das tut mir nicht gut. Ich gehe.

Das war Absicht!

Natürlich gibt es Ausnahmen. Nicht jede Verletzung erfordert eine vorherige Warnung. Wenn jemand uns bewusst verletzt – physisch oder emotional –, dann ist die Absicht klar. Ein „Fette Sau!“ in einer Beziehung ist keine Unachtsamkeit, sondern eine gezielte Demütigung. Eine Ohrfeige ist kein Ausrutscher, sondern Körperverletzung. Hier braucht es keine Diskussion, keine zweite Chance. Das war's.

… und wenn ich nicht einfach gehen kann?

Allerdings gibt es Situationen, in denen ein einfaches „Ich gehe“ nicht möglich ist. In einem Arbeitsverhältnis, einer Ehe mit finanzieller Abhängigkeit oder anderen Abhängigkeitsverhältnissen können wir nicht von heute auf morgen den Kontakt abbrechen. Doch auch hier bleiben wir handlungsfähig:

Zunächst können wir versuchen, uns innerhalb des Systems zu schützen – sei es durch klare Absprachen, das Setzen von Grenzen oder Unterstützung (z. B. durch Kolleg*innen, Coaching oder Beratungsstellen). Wenn das nicht ausreicht, sollten wir mittelfristige Strategien entwickeln: eine neue Stelle suchen, finanzielle Unabhängigkeit anstreben oder rechtliche Schritte einleiten. Der entscheidende Punkt ist: Wir handeln.

Weil ich es mir wert bin

Beziehungen, in welcher Form auch immer, sind kein Selbstläufer. Sie erfordern Mut zur Offenheit und Mut zur Konsequenz. Wir können lernen, unsere verletzlichen Stellen und Bedürfnisse zu benennen, anstatt zu erwarten, dass der andere sie errät. Und wir können lernen, uns aus Beziehungen, die schmerzen, zu lösen und das Miteinander mit wohltuenden Menschen zu suchen. Weil es unser Körper ist, unsere Seele – unser Leben.